Das Team von Ubirch rund um CEO Stephan Noller

Alles begann mit einer twitternden Birke: Ubirch gehört zu den heißesten IoT-Start-ups des Landes

Von Julia Mengeler.

Einst hauchte Stephan Noller mit Hilfe einer Sternenlichterkette und einer selbstgebauten IoT-Installation der Birke vor seinem Haus etwas Leben ein und sorgte so für Gesprächsstoff in der Nachbarschaft und im Netz. Ein paar Jahre später ist Noller CEO von Ubirch, einem Sicherheitssystem für digital vernetzte Geräte made in Germany, das ein weltweit einzigartiges Verschlüsselungsverfahren speziell für das Internet der Dinge anbietet. Dass Ubirch damit ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell aufgebaut hat, zeigt sich auch daran, dass das Unternehmen für Investoren sehr attraktiv ist. Aktuell erhielt Nollers Firma eine weitere Finanzspritze in siebenstelliger Höhe.

Im Interview mit Clutch erklärt der Ubirch-CEO, warum der Schutz der Daten innerhalb des IoT so wichtig ist, es dennoch bislang keine vergleichbaren Lösungen gibt und was passiert, wenn man die Birke vor seinem Haus antwittert.

Blockchain und IoT – die beiden Begriffe sind vielen noch immer ein Rätsel. Bei Ubirch treffen also zwei hochkomplexe Themengebiete aufeinander. Wie würden Sie einem Tech-Laien erklären, was Sie eigentlich machen?

Im Grunde ist das gar nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Wir sorgen dafür, dass die Daten von drahtlos vernetzten Geräten mit Hilfe von Kryptographie geschützt werden. Das heißt, IoT-Devices können mit unserer Technologie eingehende Daten verifizieren, bevor sie diese verarbeiten. So funktioniert das zum Beispiel bei Schaltbefehlen in einem Wasserkraftwerk. Oder umgekehrt, wenn Geräte Daten aussenden, wie es beispielsweise bei einem Frost-Sensor auf einem Acker der Fall ist, dann können diese Daten vor dem Versand an das Empfänger-Gerät von Ubirch digital versiegelt werden.

Der Name Ubirch ist doch eher ungewöhnlich für ein Tech-Unternehmen. An IoT oder Blockchain denkt man da nicht.

Das stimmt wohl. Der Firmenname geht auf meine erste selbstgebaute Smart Home Installation zu Hause zurück. Ich habe damals eine interaktive Weihnachtsbeleuchtung gebaut. Die Lichterkette war mit Twitter verbunden und hing in einem Baum vor meinem Haus – einer Birke (engl. „birch“). Auf diese Weise habe ich einen alltäglichen Gegenstand, die Lichterkette, zum Teil des IoT gemacht, dem Ding Leben eingehaucht und es gleichzeitig mit dem sozialen Netzwerk verknüpft.

Alle hatten verstanden, dass das Internet der Dinge offenbar in der Lage ist, Alltagsgegenständen Leben einzuhauchen

Was war der Clou an der Verbindung mit Twitter? Was brachte die Lichterkette zum leuchten?

Die Sternen-Lichterkette hatte einen eigenen Twitter Account (@sternibirke). Immer wenn meine „Sternenbirke“ in einem Tweet erwähnt wurde, erkannte das System das und die Sterne wurden automatisch für ein paar Sekunden aus- und wieder angeschaltet. Das war’s schon. Trotzdem hat diese simple IoT-Installation für Aufsehen und ordentlich Gesprächsstoff unter meinen Nachbarn und auch im Netz gesorgt. Alle hatten verstanden, dass das Internet der Dinge offenbar in der Lage ist, Alltagsgegenständen Leben einzuhauchen – und zwar auch in den sozialen Medien.

Sie sind von Hause aus Psychologe. Der Weg zum eigenen IoT-Sicherheitssystem erschließt sich da nicht auf Anhieb. Wie kam das?

Der Grund lautet persönliche Betroffenheit. Mittlerweile ist mein Haus weitestgehend „IoT-siert“ und einmal wurde ich gehacked. An einem Wintermorgen ging plötzlich das Licht aus und meine Familie und ich saßen im Dunkeln – in den eigenen vier Wänden. Außerdem funktionierte die Heizung nicht mehr und obendrein schrillte der Feueralarm los. Dieser Zwischenfall hat mir klar gemacht, dass es eine der größten technischen Herausforderungen unserer modernen, vernetzten Welt ist, IoT-Infrastrukturen wirklich sicher vor Manipulationen zu machen. Nur wenn uns das gelingt, leben wir in Zukunft in einer Gesellschaft, die technologischen Fortschritt weiterhin erlaubt, was wiederum unser Zusammenleben verbessern kann. Gelingt es uns nicht, steuern wir womöglich auf eine Tech-Dystopie zu.

Wer hat denn Ihr Haus gehacked und warum?

Das war ein sogenannter „white hacker“, hatte also keine bösen Absichten und wollte nur mal testen, wie weit er bei mir kommt. Er hat sich hinterher auch zu erkennen gegeben und ich konnte mit ihm sprechen. Das war sehr aufschlussreich. Vor allem habe ich gelernt, wie einfach es ist, sich Zugang zu nicht ausreichend abgesicherten Infrastrukturen zu verschaffen, sobald man diese ans offene Netz anschließt.

Und was tut Ubirch konkret, damit anderen so etwas erspart bleibt und unsere Tech-Zukunft eine bessere wird?

Wir sorgen für den Schutz des höchsten Guts im Internet der Dinge: der Daten. Im Web und eben auch im Internet der Dinge dreht sich bereits heute alles um dieses Material. Und in Zukunft wird die Menge der Daten, die zwischen den Geräten hin und her wandern, weiter massiv zunehmen. Das ist auch der Grund, warum wir uns nicht auf die Hardware selbst und auch nicht auf die Übertragungswege fokussieren. Dafür gibt es andere Lösungen.

Ist das, was Ubirch macht, also IoT-Daten auf der Blockchain-Infrastruktur zu sichern, einzigartig oder gibt es da Vorreiter, beispielsweise in den USA?

Es gibt zwar Firmen, die sich mit der Datensicherung im IoT beschäftigen, aber wir sind bisher die ersten, die das mittels Kryptografie-Verfahren und Blockchain konkret auf der Ebene individueller Datenpakete nutzbar machen. Deswegen haben wir auch ein Patent darauf angemeldet. Wir wollen unseren Technik-Vorsprung unbedingt weiter ausbauen und arbeiten aktuell an der Weiterentwicklung unserer Lösung.

Die disruptiven Kräfte der Digitalisierung sind nicht aufzuhalten

Das IoT wird zunehmend Bestandteil unseres Lebens. Und auch für die Wirtschaft gewinnen digital vernetzte Systeme und smarte Devices an Bedeutung. Trotzdem sind Misstrauen und Skepsis gegenüber Big Data hierzulande nach wie vor groß – zu Recht?

Ja und nein. Im Vergleich zu anderen Nationen sind wir Deutsche leider führend in Sachen Skepsis und Zögerlichkeit – das ist für die aktuelle Dynamik nicht besonders hilfreich. Auf der anderen Seite ist es tatsächlich so, dass neue Technologien auch immer ein gewisses Risiko bergen. Ich glaube aber daran, dass man sich deswegen vor Innovationen nicht per se verschließen darf, sondern neben den Risiken auch die Chancen, die die Technik mit sich bringt, erkennen muss. Denn nur, wenn wir die Chancen sehen und nutzen, können wir unsere Zukunft aktiv gestalten und so von Veränderungen profitieren. Wir haben es in der Hand. Mit dem, was wir heute tun – oder eben nicht tun – legen wir unsere Standards von morgen fest. Damit meine ich nicht nur Technik-Standards, sondern auch unser Verständnis von Ethik und Moral im digitalen Kontext. Wenn wir nun einfach skeptisch der Dinge harren, die da kommen mögen, würde das dazu führen, dass andere jene Standards definieren und wir später nach deren Regeln spielen müssten. Die disruptiven Kräfte der Digitalisierung sind nicht aufzuhalten. Davon bin ich überzeugt.

Sie haben sich ja ganz bewusst für den Standort Deutschland entschieden. Genauer für Berlin und Köln. Warum? Was bieten die Ubirch?

Mittlerweile sind wir sogar an drei Standorten in Deutschland vertreten. Vor wenigen Wochen haben wir ein weiteres Office in München eröffnet. Wir möchten dort präsent sein, wo unsere Kunden sind. Und in München sind die meisten börsennotierten Unternehmen in Deutschland ansässig. Berlin ist ein wichtiger Standort für uns, weil dort die Tech-Szene brummt, was viele Fachkräfte und top ausgebildete Entwickler anlockt. In der Medienstadt Köln sind viele Kreative zu Hause. Grundsätzlich funktioniert unser Recruiting aber standortunabhängig. Wir suchen überall nach neuen Talenten, denn in einer digitalen Welt kann ja auch von überall gearbeitet werden. Was unsere Kunden betrifft ist Nordrhein-Westfalen außerdem spannend für uns, weil dort viel Industrie beheimatet ist. Es gibt in NRW einen beeindruckenden Mix von Autozulieferern, Maschinenbauern und Versicherungen – alles Branchen, die sich durch die digitale Transformation bewegen und die wir dabei unterstützen können.

Nur so aus Interesse, hatten Sie dieses Jahr wieder eine Twitter-Lichterkette?

Ja, klar! Es hat sich bei uns in der Nachbarschaft sogar mittlerweile etabliert, dass spätestens im November von verschiedenen Seiten gefragt wird: „Wann hängst Du endlich wieder die Sterne auf?“.

Dieser Text ist Teil der neuen Serie #TechMadeInGermany. Bislang erschienen sind dabei unter anderem Stücke überHolorideLiliumApiOmat, Raisin und Showheroes.

(Beitragsbild: Ubirch)

Clutch-Redaktion