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Ad-hoc-Expertenumfrage: Klares Votum für eine Corona-App

René Schibol, Business Development Manager, getaline: „Der persönliche Datenschutz und die Bürgerrechte sind gleichwertige Rechtsgüter. Es gilt von Fall zu Fall abzuwägen, welches Rechtsgut priorisiert werden muss. Im Falle einer Pandemie wie bei Corona hat meines Erachtens nach die Volksgesundheit klar Priorität. Der Datenschutz mit der letzten Novellierung hat viele Stilblüten getrieben. Der grundsätzliche Gedanke war prima und angemessen, jedoch hat es an der praktischen Umsetzung gemangelt. Wenn alte weiße Männer ohne Ahnung von Digitalisierung Gesetze hierzu machen, dann kommt sowas dabei raus! Corona deckt Mängel unseres Systems auf. So auch beim Datenschutz. Mal sehen, welche Veränderungen die Corona-Krise alles nach sich ziehen wird!“

Rico Knapper, Geschäftsführer von anacision (Bild: anacision)

Rico Knapper, Geschäftsführer von anacision: „Ob der Datenschutz oder das Wohl der Gesellschaft höher wiegt, ist natürlich per se keine leichte Frage. Aber: Wenn ich beobachte, wie Menschen aktuell (teilweise unwissend) mit ihren Daten bei Whatsapp, Facebook oder Instagram umgehen, dann frage ich mich durchaus, warum wir überhaupt eine Diskussion über eine App führen, die Leben retten kann. Am Ende sollte es darum gehen, die Argumente beider Seiten für eine gute und sinnvolle Lösung einfließen zu lassen. Wichtig ist, dass die Nutzung freiwillig erfolgt und den Datenschutz mit einbezieht. Nur so erreicht die App eine hohe Nutzerzahl. Und es gibt ja durchaus bereits technische Möglichkeiten, eine solide digitale Unterstützung zu haben, ohne den Datenschutz, wie er aktuell geregelt ist, zu unterwandern – das sollte das Ziel sein. Ich glaube durchaus, dass eine gut gestaltete Anti-Corona-App am Ende dazu beitragen kann, eine breitere Akzeptanz für digitale Lösungen in der Gesellschaft zu erreichen. Und zwar genau dann, wenn die Menschen merken, dass es nicht nur um die Frage zu neuen technischen Innovationen versus Datenschutz geht, sondern dass sich diese beiden Aspekte verbinden lassen.“

Björn Köcher, Consultant, Speaker und Autor, Björn Köcher Communications: „Datengetriebene Geschäftsmodelle haben in meinen Augen nur eine Chance, wenn sie weder unter dem direkten Einfluss von rein privatwirtschaftlichen Unternehmen noch von staatlichen Behörden stehen. Das geht in meinen Augen nur über Gemeinwohlorganisationen oder genossenschaftliche Modelle, bei denen Einzelinteressen von Unternehmern, Investoren oder der Politik ausgeschlossen sind. Gegebenenfalls müssen wir also eben nicht nur nach den datengetriebenen Geschäftsmodellen suchen und diese legitimieren, sondern zuerst nach passenden Organisationsformen.“

Johannes Paysen, Country Manager Germany, GroundTruth

Johannes Paysen, Country Manager Germany, GroundTruth: „Natürlich erfordern außergewöhnliche Zeiten durchaus außergewöhnliche Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen oder Homeoffice für ganze Unternehmen. Dennoch sollten Datenschutz und Bürgerrechte in sinnvollem Verhältnis zur Situation stehen. Ich halte es für klüger, bereits vorhandene Apps wie Katwarn um für die Krise notwendige Funktionalitäten zu erweitern. Grundvoraussetzung ist natürlich immer ein hohes Maß an Datensicherheit. Die aktuelle Diskussion um das Teilen und Nutzen von Standortdaten zeigt einmal mehr, dass Daten und Tracking-Technologie auch einen positiven Beitrag für die Allgemeinheit leisten können. Wir von GroundTruth arbeiten seit Jahren mit Non-Profit-Organisationen wie Amber Alerts zusammen und setzen Standortdaten so für einen guten Zweck ein. Weitere Maßnahmen sind bereits in Planung.“

Harald R. Fortmann, Executive Partner five14 (Bild: FrankWartenberg)

Harald R. Fortmann, Executive Partner five14: „In einer Welt, in der der Menschen freiwillig und ohne nachzudenken ihre Daten mit geringem Nutzwert Unternehmen wie Facebook zur Verfügung stellen, sollte ein großes Verständnis für eine solche Lösung aufgebracht werden, die Leben retten kann. Wichtig ist aus meiner Sicht, wer hier der Herr über die Daten ist und dass sie weitestgehend anonymisiert und eben nur im Notfall zu nutzen sind. Geltender Datenschutz unter Berücksichtigung der COVID-19-Situation sollte ein höchstmögliches Maß an Datensicherheit für den User bringen. Die App sollte über die Netzbetreiber verpflichtend auf den Smartphones installiert werden, wo dies technisch möglich ist.“

Markus Oeller, Gründer und Geschäftsführer MSM.digital: „Daten und damit verbundene Geschäftsmodelle sind die Zukunft. Auf der einen Seite möchte jeder die Vorteile der Personalisierung und Digitalisierung nutzen, auf der anderen Seite scheuen wir uns vor Transparenz. Die Frage ist am Ende: Wer hat Zugriff auf welche Daten?“

Uwe-Michael Sinn, Geschäftsführer, Meister Lampe und Freunde:„Natürlich ist Datenschutz wichtig und die Bedenken sind (zumindest in Teilen) nachvollziehbar. Aber jedes Grundrecht muss eben auch gegen andere Grundrechte abgewogen werden. Und da ist z.B. die freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art 2), Ausübung des Glaubens, z.B. durch Gottesdienste (Art 4 GG), Versammlungsfreiheit (Art 8 GG), Bewegungsfreiheit (Art 11 GG), das Recht des eingerichteten Gewerbebetriebes (Art 12 GG), generelle Eigentumsrechte (Art 12 GG) …. Sie alle werden massiv und mit weitgehender Zustimmung der Allgemeinheit zurecht eingeschränkt. Zu sagen, der Datenschutz ist sakrosankt, wird der gesamten Situation nicht gerecht. Natürlich müssen Einschränkungen des Datenschutzes strikt auf die Dauer der Krise beschränkt sein.“

Andreas Fruth, Geschäftsführer der Global Savings Group

Andreas Fruth, Geschäftsführer der Global Savings Group: „Ich denke, in Deutschland würde eine Corona-App nach Ende der Pandemie wieder ‚zurückgenommen ‘ werden und ist damit kein Türöffner für weitere datengetriebene Geschäftsmodelle. Auch wenn danach die Schwelle reduziert ist, weil man einmal eine Ausnahme gemacht hat, würde die neue Schwelle dann heißen ‚Man darf sowas generell nicht, außer für globale Pandemien‘. Aber dies hängt auch davon ab, was so eine App können soll und was nicht. Pandemie-App ist nicht gleich Pandemie-App.“

Dr. Helmut Leopold, Chief Insights Officer, ENSO eCommerce: „Das Sammeln und Nutzen von Daten ist für die allermeisten Menschen nicht das Problem, sondern die Intransparenz und fehlende Selbstbestimmung. Datengetriebene Geschäftsmodelle werden daher nach Corona wie auch vor Corona nur dann funktionieren, wenn sie sich dem Menschen erklären und die Datenhoheit beim Menschen lassen.“


Die Agentur Frau Wenk ist eine Hamburger Kommunikationsberatung für Internetunternehmen und Plattformen und befragt regelmäßig ein Netzwerk von Führungskräften aus den Digitalen Wirtschaft zu aktuellen Themen.

(Beitragsbild: Klaus Knuffmann)

Clutch-Redaktion