Jay Tuck

Macht KI uns faul und arbeitslos? „Nein. Wir brauchen nur jemanden, der die Talente der Menschen neu sortiert“

Alexander Becker sprach mit dem US-Sicherheitsexperten Jay Tuck über die Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz. Warum sie unser Leben besser machen, uns neue Freiheiten geben oder uns auch gänzlich auslöschen kann.

Mister Tuck, fangen wir mal mit den ganz großen Fragen an. Kann KI die Welt retten?

Ich habe ein sehr schizophrenes Verhältnis zu KI. Es ist mit ihr durchaus möglich, einige der größten Probleme der Menschheit zu lösen. Auf der anderen Seite ist es eine sehr gefährliche Technologie, gefährlicher noch als Atomwaffen. Sie kann die Existenz der Menschheit gefährden.

Wie das?

Indem wir die Kontrolle über unser Leben abgeben. Weil künstliche Intelligenz vieles besser und effektiver kann. Wir geben schon heute unglaublich viele kleine und vermeintlich einfache Aufgaben an KI ab, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Aber wäre das so schlimm? Ketzerisch gefragt: Brauchen wir nicht etwas mehr Kontrolle durch eine objektive KI? Allein schon aus Selbstschutz, weil wir Menschen einfach viel zu expansiv leben? Irgendjemand muss den gigantischen Konsum- und Ausbreitungszwang der Menschen doch stoppen.

Nehmen wir an, eine künstliche Intelligenz ist beauftragt, die Umwelt sauber zu halten. Der Computer wird nicht lange darüber nachdenken, was die größte Ursache für Umweltverschmutzung ist. Das sind diese zweibeinigen Kreaturen. Wenn die KI uns dann aber unsere SUVs verbieten will oder uns untersagen will, unsere Golfplätze zu wässern, dann führt das sehr schnell zu sehr heftigen Konflikten. Und dann stellt sich schon die Frage, wie das ausgeht.

Und schon sind wir auf der düsteren Seite der Debatte. Aber noch einmal zurück. Kann KI die Welt retten?

Sie meinen, kann KI Gutes tun?

Ja.

Eine gute KI kann man sich beispielsweise in der Landwirtschaft vorstellen. Alle reden über Glyphosat. Dabei sprühen wir noch weitere Gifte tonnenweise auf unsere Lebensmittel. Das Verrückte: Eigentlich braucht es die schon gar nicht mehr. Mit künstlicher Intelligenz kann man fast alle Pflanzenschutzmittel abschaffen. Es gibt heute schon Maschinen, die über die Felder rasen und pro Stunde eine Millionen Pflanzen analysieren. Diese Roboter schauen, ob eine Pflanze gesund ist. Wenn nicht, wird nur die eine kranke Pflanze mit mikroskopisch kleinen Mengen behandelt. Statt fässerweise Gift reicht mittlerweile ein Fingerhut voll Chemie. Es gibt unzählige weitere Bereiche, in denen KI uns helfen kann. Nehmen wir nur die Medizin. Durch eine verbesserte Datenanalyse und Mustererkennung, können wir schon bald eine Vielzahl einst als unheilbar eingestufter Krankheiten kontrollieren und therapieren.

Was ist mit der dunklen Seite?

Vor gut einem Jahr kam es hier in der Hamburger Sternschanze zu heftigen G20-Ausschreitungen. Was aber die wenigsten wissen, ist, dass dabei über unseren Köpfen die ganze Zeit Predator-Drohnen flogen.

Bewaffnete?

Nicht, wie sie jetzt denken.

Nein?

Nicht mit Hellfire-Raketen. Die Drohnen waren nicht zum Töten ausgestattet, sondern mit einem System namens Argos. Einem Überwachungssystem, das in der Lage ist, hunderttausend Menschen gleichzeitig zu erfassen. In Echtzeit. Haben die sich für die Demonstranten interessiert? Nein. Sie waren nur da, um den Präsidenten zu schützen. Sie hätten aber genauso gut alle Protestler überwachen können.

Das System lässt sich also auch gegen Menschen einsetzen?

Natürlich. Es ist längst in Krisengebieten im Einsatz. Es verfolgt vermeintliche Terroristen über Monate und irgendwann ist es Zeit für eine Kill-Entscheidung. Diese könnte mittlerweile eigentlich eine Software treffen. Darin ist sie nämlich längst sehr präzise.

Und der Mensch?

Die letzte Entscheidung liegt im Augenblick noch bei uns Zweibeinern, das verlangen beispielsweise noch die US-Gesetze. Noch. Aber das ist nicht die Zukunft. Dieses Prozedere ist zu ungenau und kostet zu viel Zeit. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir die Entscheidung über Leben und Tod an die Maschinen übertragen.

Jay Tuck Portrait
Jay Tuck Portrait

Jay Tuck, Erfolgsautor und häufig gebuchter Speaker. Sein TEDx-Talk sammelte bereits über 2,6 Mio. Views. Der US-Sicherheitsexperte war 35 Jahre für die ARD tätig (u.a. Redaktionsleiter der „Tagesthemen“). Er ist Autor des investigativen Buches „High-Tech Espionage“ (St. Martin’s Press), das in 14 Ländern erschienen ist. Für sein aktuelles Buch „Evolution ohne uns – Wird Künstliche Intelligenz uns töten?“ (Plassen Verlag) interviewte er deutsche und US-Drohnenpiloten, Zukunftsforscher und Silicon-Valley-Spezialisten, Geheimdienstler und Unternehmensberater in einer zweieinhalbjährigen Exklusiv-Recherche. Alle aktuellen Vortragstermine gibt es unter jaytuck.com.

Wir geben also immer mehr Kontrolle ab?

Das haben wir ja schon in unzähligen Bereichen getan. Zudem macht die KI oftmals einen viel besseren Job.

Ein Beispiel?

Radiologen. Das sind Top-Jobs. Hochqualifizierte Fachleute. Sie genießen hohes Ansehen im Krankenhaus. Nur: Wir brauchen sie nicht mehr, weil ihre Arbeit von einer Maschine besser gemacht werden kann. Die Top-Radiologen in den deutschen Krankenhäusern sagen heute schon: Die Maschine kann das besser. Ich zeichne nur noch gegen. Das ist unstrittig.

Es ist mit KI durchaus möglich, einige der größten Probleme der Menschheit zu lösen. Auf der anderen Seite ist es eine sehr gefährliche Technologie.

Wenn die Maschine alles besser kann, was bleibt dann für uns Menschen?

Gestern haben wir die Schweiß- und Muskel-Jobs noch an die Maschinen übertragen. Heute übernehmen die Maschinen sogar die Führungsjobs in der Gesellschaft. Siehe Radiologen.

Wo bleiben dann die Menschen. Werden wir überhaupt noch gebraucht?

Na klar. Die KI verbessert ja erst einmal nur unsere Effizienz.

Was machen wir dann mit der Zeit, die wir auf einmal über haben?

Ein Freund von mir ist Chef der Klinik in Essen. Er sagt immer, dass wir in Deutschland keinen Pflegenotstand hätten. Wir hätten auch nicht zu wenige Pfleger. Sie machen nur die falsche Arbeit. Sie verbringen zu viel Zeit mit Verwaltung, Dokumentation und dem Zählen von Pillen. Diese Zeit sollten sie eher in ihre tatsächliche Aufgabe stecken dürfen: in die Pflege. Sie sind ja auch nicht Krankenschwestern geworden, um Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Noch ein Beispiel?

Bitte.

Schon bald werden Millionen arbeitslose Brummifahrer auf dem Arbeitsmarkt sein. Maschinen fahren bald die Lastwagen viel besser und auch ohne Pause.

Und dann? Werden die alle tolle neue Jobs finden. Denn Lastkraftwagen-fahrer sind ganz wertvolle Arbeitskräfte. Sie sind es gewohnt, klaglos viele Stunden allein zu arbeiten. Sie stehen jeden Tag vor gigantischen Problemen wie Hagelstürmen, Staus, Polizei- kontrollen und vielem mehr. Sie müssen diese auf sich selbst gestellt lösen. Das sind talentierte und gute Leute. Die werden auch wieder neue Jobs finden. Wir brauchen nur jemanden, der die Talente der Menschen neu sortiert.

Dieses Interview ist Teil der neuen Clutch. Das Technologie- und Gesellschaftsmagazin beschäftigt sich in dieser Ausgabe monothematisch mit dem Thema künstliche Intelligenz. Das Heft lässt sich hier bestellen. Sie zahlen nur so viel, wie Ihnen das Magazin wert ist.

Clutch-Redaktion