Innoplexus-Gründer Gunjan Bhardwaj

Innoplexus, das Medizin-Google: „In der Gesundheitsforschung verdoppelt sich das medizinische Wissen bis 2020 alle 73 Tage“

Von Alexander Becker.

Eschborn statt Silicon Valley: Die Zukunft der Medizin-Forschung entscheidet sich möglicherweise nicht in der Bay Area, sondern im Rhein/Main-Gebiet. Das Start-up Innoplexus will mit Künstlicher Intelligenz die Entwicklung neuer Medikamente und Therapien erheblich beschleunigen. Wie das gehen soll, erklärt Gründer Gunjan Bhardwaj im Interview mit Clutch.

Ein Krebsschock als Start-up-Idee. Wie ist Innoplexus entstanden?
Durch eine schlechte Nachricht. Als Unternehmensberater bei Ernst & Young habe ich mich schon lange mit Digitalisierung, Innovationen und disruptiven Technologien beschäftigt. Doch eines Abends schockierte mich mein Seniorpartner, Freund und Mentor mit der Nachricht, dass er an Krebs erkrankt sei. Ich stellte mir sofort drei Fragen:

1. Gibt es erfolgsversprechende, alternative Therapiemethoden?
2. Wo in Europa erhält man Zugang zu diesen Therapiemethoden oder aber klinischen Studien?
3. Welchen Experten für diese spezielle Tumorart sollte man um eine zweite Meinung konsultieren?

Welche Antworten fanden Sie auf Ihre Recherche-Fragen?
Die Suche im Internet war aufwendig und die Ergebnisse letztlich frustrierend, da teilweise veraltet, fragwürdig oder nicht relevant. Bei Nachfragen im beruflichen Netzwerk, der deutschen Krebshilfe und in Universitätskliniken gab es zwar bessere, präzisere und wertvollere Informationen, ein umfassendes Bild fehlte jedoch noch immer. So entstand letztlich die Idee für Innoplexus – nämlich ein Datenuniversum aller relevanten biowissenschaftlichen Informationen zu schaffen, das intuitiv, auf Knopfdruck und in Echtzeit vielfältige Anwendungsfragen in den Bereichen Pharma, Biotechnologie und Medizin beantwortet. So können beispielsweise die Forschung und Entwicklung in pharmazeutischen Unternehmen beschleunigt werden.

Wie geht es Ihrem damaligen Senior-Partner heute?
Glücklicherweise wieder sehr gut.

Und wie arbeitet Innoplexus heute?
Wir sind ist auf drei Standorte verteilt. Der Hauptsitz in Eschborn (Deutschland), dann arbeiten wir noch von Pune (Indien) und Hoboken (USA) aus. In Pune nutzen wir die Talente der führenden, technischen Universitäten für unsere Technologie- und Produktentwicklung. In den USA und Europa arbeiten wir eng mit unseren Kunden an der Umsetzung der KI-Projekte.

Außerdem haben wir promovierte Mitarbeiter mit biowissenschaftlichem, medizinischem und pharmazeutischem Hintergrund, um unsere Produkte und Anwendungsfälle auf Basis führender Technologie kundennah zu entwickeln. Insgesamt sind wir ein sehr agiles, innovatives Unternehmen.

Das hört sich alles sehr wissenschaftlich an. Aber wie sieht das Geschäftsmodell von Innoplexus aus? Sicherlich wollen Sie auch Geld verdienen?
Wir digitalisieren und virtualisieren die Prozesskette der Medikamentenentwicklung. Die basiert im Wesentlichen auf Daten – Moleküldaten, Forschungsdaten, Patientendaten, Marktdaten, Daten zu Richtlinien, Daten zu Wechsel- und Nebenwirkungen, Daten zu Experten und so weiter.

Diese Daten befinden sich im Internet und in den Unternehmen. Oft sind sie in Silos, sie sind also nicht einfach zugänglich und nicht verknüpft. Der größte Teil dieser Daten ist unstrukturiert, z.B. als Text, Grafik, Video, Bild, und kann nicht ohne weiteres von einem Computer analysiert werden.

Die Datenmenge explodiert, und kein Mensch schafft alle Daten zu lesen, darin tief einzutauchen und Rückschlüsse durch Verknüpfung der Informationen zu erstellen. Hierfür braucht es intelligente maschinelle Unterstützung. Eben hier hilft die KI von Innoplexus.

Und wie war das jetzt mit dem Geld verdienen?
Kunden erhalten eine Nutzerlizenz, Zugang zur Technologie für Eigenentwicklungen, oder wir setzen kundenspezifische Projekt um. Innoplexus schafft für Kunden damit

1. Zugang zu dem größten biowissenschaftlichen Datenozean, der bereits mit Hilfe künstlicher Intelligenz zusammengestellt und aggregiert wurde, um relevante Daten im relevanten Context darzustellen.
2. Verknüpfungen von Trillionen Datenpunkten öffentlicher Daten und Unternehmensdaten – egal, ob strukturiert oder unstrukturiert. Innoplexus kann verschiedenste Datenformate und -quellen aggregieren und mit Hilfe der Life-Science-spezifischen-Ontologie nutzenstiftend analysieren. Ontologie heißt, dass wir den semantischen und konzeptuellen Zusammenhang eines Begriffs verstehen. Zudem hat Innoplexus eine Blockchain in ihre Lösung integriert, damit Forscher auch bisher unveröffentlichte Daten sicher und urheberrechtlich geschützt teilen können. So erhält man beispielsweise vollumfängliche Informationen zu einem therapeutischen Gebiet.
3. Intuitive Dashboards. Um aus Daten Wissen zu generieren, ist eine intuitive Aufbereitung wichtig, die es den Kunden ermöglicht, eigene Gewichtungen oder Filter zu nutzen, aber auch jederzeit per Mausklick tiefer in die Informationen abzutauchen.

Kann Innoplexus helfen das Leben der Menschen besser zu machen?
Definitiv. Wenn wir die vorhandenen Daten nicht nutzen, dann verschwenden wir Zeit und Geld in der Medikamenten-Entwicklung. Intelligent verknüpfte Daten können Informationen zu Zweitanwendungsmöglichkeiten von Medikamenten aufzeigen. Die Virtualisierung von Prozessen kann außerdem Pharma-Unternehmen motivieren auch in die Forschung von seltenen Krankheiten zu investieren. Klinische Studien können effizienter durchgeführt werden, da die Auswahl der passenden Patienten verbessert werden kann. Grundsätzlich kann Transparenz dafür sorgen, dass Forscher weltweit nicht die gleichen fehlgeschlagenen Versuchsreihen wiederholen, sondern voneinander lernen. In diesem gesamten Prozess können Daten zu mehr Wissen und damit zu besseren Entscheidungen führen. Letztlich kann dies schneller zu neuen und besseren Therapiemethoden führen.

Können und wollen Sie überhaupt so etwas wie das neue Google werden – wenn auch nur für die Wissenschaft und Forschung?
In der Gesundheitsforschung verdoppelt sich das medizinische Wissen bis 2020 alle 73 Tage. Kein Mensch schafft die manuelle Recherche, das Lesen und das Verknüpfen aller relevanten Informationen. Da die meisten dieser Daten unstrukturiert sind, helfen traditionelle Analysemethoden hier nicht weiter. 

Wir möchten das Problem der Ineffizienz lösen – den Aufwand der Wissenschaftler für die Recherche reduzieren, den riesigen Berg an Informationen bewältigen und gleichzeitig neue Muster in den Daten entdecken. In der heutigen Forschung werden überwiegend Plattformen genutzt, die unspezifisch sind, also entweder zu wenig auf Naturwissenschaften spezialisiert sind und damit eine ganze Menge irrelevanter Ergebnisse liefern, bei denen man seine Suche deutlich formulieren und einschränken muss, um zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen. Oder sie sind eindimensional – machen also nur sehr ganz bestimmte Datentypen zugänglich machen, wie Publikationen. Damit sind jedoch keine neuen Entdeckungen möglich. Und dann gibt es noch eine dritte Form – kommerzielle Plattformen, die nahezu monopolistisch agieren und daher mit hohen Kosten verbunden sind. Dies führt wiederum dazu, dass sich nicht jedes Biotechnologieunternehmen oder jedes Krankenhaus diesen Datenzugang leisten kann.

Wir wollen den Zugang zu den Daten und Einblicken demokratisieren – diese effizient zugänglich und nutzbar machen.

Warum haben Sie Innoplexus in Deutschland gegründet und nicht in den USA?
Ich wollte eigentlich in den USA promovieren. Die Universitäten verlangen dort allerdings eine jahrelange Verpflichtung. Da ich aber gerne Dinge vorantreibe, kam das für mich nicht in Frage. Als mir dann der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ein Stipendium anbot, war meine Entscheidung gefallen. Ich fand meine neue Heimat in Baden-Württemberg, zunächst an der Business School in Pforzheim. Von hier aus konnte ich viele Kontakte zu Unternehmen und Politik knüpfen, so dass dann eine Unternehmensgründung in Deutschland einfach nahelag. Zudem ist Deutschland ein idealer Ausgangspunkt, um Kunden in ganz Europa, aber auch den USA, zu betreuen. 

Dieser Text ist Teil der neuen Serie #TechMadeInGermany
Bislang erschienen sind dabei unter anderem Stücke über LiliumApiOmat, Raisin und Showheroes.

(Beitragsbild:. Innoplexus)

Clutch-Redaktion