Warum jeder Nutzer ein digitaler Schattenarbeiter ist

Ob Tippen oder Sprechen - wir alle trainieren Googles Sprachkompetenz

Jeder der mehr als 2 Milliarden Nutzer eines von Googles Produkten „arbeitet“ strenggenommen für den Suchmaschinenriesen. Vielen Nutzern ist nicht bewusst, dass sie in ihrer Freizeit Google dabei helfen, die Technologien des Unternehmens zu verbessern. Ein Großteil dieser sogenannten Schattenarbeit läuft dabei fast unbemerkt ab. Wie genau das geschehen kann, erklärt Tobias Looschelders, Experte für digitale Kommunikation.

In seiner Freizeit unentgeltlich und unbemerkt für gewinnorientierte Unternehmen arbeiten? Der Begriff für diese Leistung lautet „Schattenarbeit“ und wurde von Harvard-Soziologe Craig Lambert erst vor wenigen Jahren geprägt. Schattenarbeit ist dabei kein neues Phänomen, sondern wird immer häufiger und ganz gezielt von Unternehmen eingesetzt. Von den großen Technologieunternehmen ist Google hier federführend: Viele von Googles Technologien wurden erst durch die unbewusste Freizeitarbeit zahlloser Nutzer marktreif gemacht.

Ein Beispiel dafür sind SB-Bäckereien, in denen Kunden selbst Tabletts nehmen, die Produkte auflegen, Kaffee am Automaten ziehen, zur Kasse gehen und das Tablett ebenfalls selbst in Abräumstationen zurücklegen. Die Bäckerei stellt nur noch Produkte zur Verfügung und kassiert. Alle anderen Aufgaben wurden an den Kunden abgegeben.

Und in der digitalen Welt? Beispiele digitaler Schattenarbeit sind Reisebuchungen, Hotels mit digitalem Check-in und Check-out oder auch im Web konfigurierte Küchen. Studien zufolge übt jeder Mensch heute rund 1.000 solcher kleinen Nebentätigkeiten aus und leistet bereits heute zahllose Stunden Schattenarbeit im Jahr.

Wir schreiben Bücher ab wie einst die Mönche

Ein Beispiel: Google hat sich mit seinem Dienst Google Books das Ziel gesetzt, knapp 130 Millionen Bücher und damit Milliarden Buchseiten zu digitalisieren. Dass diese auch vollständig mithilfe der Google-Suche zu durchforsten sind, verdanken wir Software zur Texterkennung. Da diese aber nie 100-prozentig genau arbeitet, sind Millionen von Wörtern nicht zuverlässig durch die Software aus einer gescannten Buchseite in Text übersetzt worden. Hier kommen wir ins Spiel, ohne dass wir es bemerken. Sogenannte Captcha-Codes dienen vordergründig dazu, Spam zu verhindern. Google nutzt den allseits bekannten Mechanismus „Ich bin kein Roboter“, um zu verifizieren, dass es sich bei dem Benutzer um einen realen Menschen handelt. Lange wurden dort zwei einzelne Worte präsentiert, die dann zur Verifizierung abgetippt werden mussten. Dass es sich hierbei um Wortschnipsel handelte, mit denen die Texterkennungs-Software von Google Books ihre Schwierigkeit hatte, war dabei aber niemandem bewusst. Somit haben abertausende Nutzer die mühselige Arbeit übernommen, die  einst in mittelalterlichen Klöstern von Mönchen durchgeführt wurde: Bücher transkribieren und vervielfältigen. Allerdings mit dem Unterschied, dass den „Mönchen“ von heute nicht bewusst war, dass sie es taten und für wen sie es taten, nämlich für Google Books.

Wie wir Bild- und Spracherkennung voranbringen

Die Software, mit der Google automatisch Bilder auswertet, ist nicht nur für Googles Bildersuche Google Images relevant. Viele Hintergrundprozesse in der Google-Suche, bei Google Maps und auch bei Youtube verwenden die Technologie der Mustererkennung. Indem wir bei Captcha-Abfragen auswählen, welche Fotos etwa Verkehrszeichen darstellen, optimieren wir die Bilderkennung für Google Images und Google Street View. Wir zeigen der Software, welche Bildausschnitte die Schilder von Ladenlokalen zeigen, trainieren so Google Maps und verbessern die Brancheneinträge im Google-Ranking.

Genauso geben wir Googles Technologien kostenlosen Sprachunterricht, indem wir mit unseren Android-Smartphones („Ok Google“), dem Sprachassistenten Google Home und dem Assistenzsystem Google Assistant sprechen. Durch die ständigen Spracheingaben in verschiedenen Sprachen und Stimmen trainieren wir die Machine-Learning-Algorithmen der Software. Da überrascht es wenig, dass die Stiftung Warentest im März 2018 die von so vielen Nutzern trainierte Google-Lösung mit „sehr gut“ bewertete.

Der Nutzer im Zwiespalt: Boykott versus Convenience 

Wir bezahlen Google nicht nur passiv mit unseren persönlichen Daten, sondern auch mit unserer Arbeits- und Freizeit. Dafür werden uns viele – kaum aus dem Alltag wegzudenkende – Anwendungen wie die Google-Suche, Google Maps, der Mailservice oder der Cloud-Speicher kostenfrei zur Verfügung gestellt. Unternehmen und deren Mitarbeiter werden somit wiederum unbemerkt zu Googles Schattenarbeitern.

Es herrscht vor allem ein innerer Kampf. Auf der einen Seite will man mächtigen Big-Data-Playern einen Riegel vorschieben und die Dienste boykottieren. Auf der anderen Seite weiß man die praktischen Anwendungen von Google zu schätzen und ist gegebenenfalls bereit, für diese Services nebenher Schattenarbeit zu leisten. Soziologe Craig Lambert beispielsweise bezeichnet Google als eines seiner Lieblingsunternehmen. Warum? Er gibt es offen zu: Google hat sein Leben in vielen Bereichen spürbar verbessert.

Über den Autor:

Tobias Looschelders ist langjähriger Experte für digitale Kommunikation, Webseitenoptimierung und Web-Analyse.
(Foto: Digital Insight)

Tobias Looschelders ist Inhaber des Düsseldorfer Unternehmens Digital Insight. Er ist langjähriger Experte für digitale Kommunikation, Webseitenoptimierung und Web-Analyse und ab Oktober 2018 Dozent an der HMKW. 

 

 

 

 

(Beitragsbild: Klaus Knuffmann)

Clutch-Redaktion