Clutch Online im Interview mit dem Fintech-Experten Alexander Artopé (Bild: Xiomara Bender)

Smava soll das neue Tesa werden

Smava-Chef Alexander Artopé sorgte mit seinem Negativzins für Ratenkredite im Sommer 2017 für ein großes Rauschen im Blätterwald. Der PR-Coup bescherte ihm nicht nur jede Menge Schlagzeilen, sondern auch viele neue Kunden. Im großen Clutch-Interview spricht Artopé über seine Visionen, sein Verhältnis zu Banken, warum er keinen Chefschreibtisch hat und wie er Smava zum neuen Tesa machen will.

Haben Sie so viel Geld, dass Sie es verschenken können?

Artopé: „Ich explizit nicht, aber ja, wir verschenken Geld und machen damit Menschen glücklich.“

Der erste Ratenkredit mit Negativzins. 1.000 Euro bekommen, 994 Euro zurückzahlen. Das Medienecho auf den PR-Coup war gewaltig.

Artopé: „Nicht nur das Medienecho, auch die positive Resonanz aus der Bevölkerung hat uns überrascht. Wir haben bereits mehrere tausend Kredite davon vergeben und die Aktion läuft noch bis Ende August.“

Die Verbraucherschützer waren weniger angetan.

Artopé: „Nein, das stimmt nicht. Die haben das genau geprüft und kamen zu dem Schluss, dass es ein gutes Angebot ist, den Dispo abzulösen. Natürlich war es auch unser Ziel, die Menschen auf Smava aufmerksam zu machen, um sie als neue Kunden zu gewinnen. Gleichzeitig hatten wir aber auch die Möglichkeit, den Leuten klarzumachen, dass Online- Kredite sehr viel günstiger sind als Filialkredite. In der Regel sind das bis zu zwei Prozent. Insgesamt zahlen die Deutschen pro Jahr rund zwei Milliarden Euro zu viel an Zinsen.“

„Als am 18. Juli um sieben Uhr morgens mein Kommunikationschef anrief und mir mitteilte, dass wir die bundesweite Schlagzeile in der Bild-Zeitung haben. Das war schon super.“

Der PR-Coup treibt Sie nicht in den finanziellen Ruin?

Artopé: “Nein, das haben wir vorher sauber durchkalkuliert. Das bereitet uns keine Probleme.“

Wer hatte diese grandiose Idee?

Artopé: „Sie entstand während eines Brainstormings zwischen Mitarbeitern und mir. Wir hatten 2015 als erster in Deutschland bereits den Null-Prozent-Kredit auf den Markt gebracht. Folglich war der Ratenkredit mit Negativzins eine logische Fortsetzung unserer Strategie. Das große Interesse hat uns aber doch überrascht.“

Was war Ihr persönliches Highlight?

Artopé: „Als am 18. Juli um sieben Uhr morgens mein Kommunikationschef anrief und mir mitteilte, dass wir die bundesweite Schlagzeile in der Bild-Zeitung haben. Das war schon super.“

Ist Smava eine Bank oder nur ein Vergleichsportal?

Artopé: „Wir sind ein Kreditportal. Das bedeutet, man kann bei uns Kredite vergleichen, wir bieten aber auch eigene Kreditprodukte. Unser Start vor zehn Jahren war als Plattform für private Kreditkunden, die sich gegenseitig Kredite gewährt haben. Zudem bieten wir über 70 verschiedene Ratenkreditprodukte von über 25 Banken an. Unsere Vision ist es, für all unsere Kunden ein  fairer und transparenter Kreditmarkt zu sein.“

Welche Menschen nutzen Smava? Eher die Verzweifelten, die sofort einen Kredit brauchen, oder die klugen Digitalos?

Artopé: „Verzweifelte Kunden erhalten in der Regel keinen Kredit – und das ist auch gut so. Diese sollten eher zu einer Schuldnerberatung gehen oder sich jemanden suchen, der ihre Situation  strukturell löst. Unser Kunde ist der normale Deutsche. In erster Linie sind es die cleveren Verbraucher im Alter zwischen 25 und 60 Jahren. Sie benötigen das Geld für gezielte Anschaffungen, die sich aus den Lebensumständen ergeben. Eine Hochzeit zum Beispiel oder in der Familie fällt wegen Geburt eines Kindes kurzfristig ein Einkommen weg. Autos machen übrigens ein Fünftel aller 100.000 Smava-Kredite aus, die wir pro Jahr vergeben. Beliebt sind auch Renovierungskredite, um die Wohnung neu einzurichten.“

100.000 Kredite im Jahr. Das macht rechnerisch 275 Kredite am Tag.

Artopé: „Unsere Kunden sparen bis zu 2.000 Euro an Zinsen, wenn sie einen Kredit über Smava aufnehmen, das spricht sich rum. Wir sind nicht nur günstiger, sondern bei Digitalkrediten auch schneller als andere. Wer bei uns einen Kredit aufnimmt, hat zehn Minuten später das Geld auf seinem Konto. Positive Bonitätsprüfung vorausgesetzt. Dafür sorgen unsere 300 Mitarbeiter. Ein Drittel davon arbeitet in der Softwareentwicklung, ein Drittel im Bereich Kreditberatung und ein Drittel in Marketing und Operations.“

Sehen Sie sich als Gutbanker?

Artopé: „Nein, ich sehe mich eher als Internetunternehmer, der Verbrauchern hilft, an einen günstigen Kredit zu kommen.“

„Wir waren 2007 das erste Fintech-Unternehmen in Deutschland. In der Zwischenzeit sind mehrere auf den Zug aufgesprungen, wie Weltsparen oder N26.“

Was macht Smava besser als die Konkurrenz?

Artopé: „Wir haben zum einen den wesentlich besseren Mechanismus, das günstigste Angebot zu ermitteln. Mit unserer Scoring-Technologie ermitteln wir für den Kunden in Echtzeit die Bank
mit dem günstigsten Angebot und der höchsten Auszahlungswahrscheinlichkeit. Zum anderen arbeiten bei uns über  hundert Kreditspezialisten, alles ehemalige Bankkaufleute, die dem Kunden
unabhängig und kostenfrei helfen, eine gute Entscheidung zu treffen. Und wir handeln mit den Banken Sonderkonditionen aus, die der Verbraucher alleine nicht bekommen würde.“

Der Philosoph Richard David Precht sagt voraus, dass es die Automobilindustrie, wie wir sie kennen, in 20 bis 30 Jahren nicht mehr geben wird. Gilt das auch für die klassischen Banken?

Artopé: „Banken werden weiter bestehen. Sie werden sich jedoch erheblich verändern. Anbieter wie Smava werden Teile der Wertschöpfung übernehmen, weil wir uns beispielsweise nur auf das Thema Kredite fokussieren. Zurzeit haben Banken sehr viele Baustellen wie Digitalisierung und Regulierung. Dazu noch das strukturelle Problem mit den Niedrigzinsen, das ihnen sämtliche Zinserträge und Provisionen reduziert. Für Banken ist es deshalb schwierig, sich auf den Kunden zu fokussieren.“

Haben die Deutschen noch zu wenig Vertrauen zu Online-Banken?

Artopé: „Mittlerweile nicht mehr. Es gab ja früher schon Direktbanken, die noch per Brief mit ihren Kunden korrespondiert haben. Jetzt läuft halt alles online. Die Kunden gewöhnen sich schnell
daran. Besonders die jüngere Generation hat damit kein Problem. Wir waren 2007 das erste Fintech-Unternehmen in Deutschland. In der Zwischenzeit sind mehrere auf den Zug aufgesprungen,
wie Weltsparen oder N26.“

Ist es nicht eher ungewöhnlich, dass ein Unternehmen zehn Jahre nach der Gründung noch so große Finanzierungsrunden abschließt? Wie haben Sie die Investoren überzeugt?

Artopé: „Es hängt immer davon ab, wie sich das Unternehmen entwickelt. Bei uns war das in zwei Stufen. 2007 sind wir als Peer-to-Peer-Plattform gestartet und haben uns 2011 zu einem Kreditvergleichsportal weiterentwickelt. Das starke Wachstum setzte dann ab 2014 ein. Deshalb erhielten wir ein Jahr später eine Finanzierung von 16 Millionen Dollar und 2016 dann nochmal 34 Millionen Dollar. Wir haben die Investoren in den letzten Jahren mit unserer guten Entwicklung überzeugt. Das Geld nutzen wir für Investitionen in unser Produkt und ins Marketing.“

Wie geht es mit Smava in den nächsten fünf Jahren weiter?

Artopé: „Wir wollen in Deutschland zum Haushaltsnamen für Kredite werden. Das heißt, wenn jemand an einen Kredit denkt, dann soll er automatisch auch an Smava denken. Meine großen  Vorbilder sind in dieser Hinsicht Tempo und Tesa. Dort steht die Marke auch für eine ganze Produktgattung.“

Was haben Sie vor Smava gemacht?

Artopé: „Ich habe ein Software-Unternehmen gegründet, das mittlerweile an SAP verkauft wurde. Und davor habe ich BWL studiert. Die klassische Karriere als Gründer.“

„Meine großen Vorbilder sind Tempo und Tesa.“

Wie würden Sie sich selbst als Unternehmer charakterisieren?

Artopé: „Klar das Ziel im Blick und sehr beharrlich. Ich mag Zahlen, aber auch Marketing. Mir ist die Vision, mit der wir das Unternehmen aufgebaut haben, sehr wichtig. Einen fairen und transparenten Kreditmarkt zu schaffen, das spielt bei allen unseren Produktentwicklungen eine große Rolle.“

Sie haben kein Chefbüro mit großem Schreibtisch. Ist das bewusstes Understatement?

Artopé: „Nein, das ist immer schon so gewesen und wird auch für längere Zeit so bleiben. Ich leite bei uns den gesamten Marketing- und Vertriebsbereich. Daher ist es nur logisch, dass ich in der Marketingabteilung sitze und mein Arbeitsplatz nicht größer ist als der meiner Kollegen.“

Kennen Sie alle Ihre 300 Mitarbeiter persönlich?

Artopé: „Ja, zu jedem Gesicht kenne ich den Namen. Allerdings gestaltet sich das in letzter Zeit immer schwieriger, da wir momentan jeden Monat viele neue Mitarbeiter einstellen. Da stößt man
langsam an seine Grenzen.“

Wie digital leben Sie privat?

Artopé: „Sehr. Ich versuche immer technische Innovation selbst zu nutzen. Auch im Hinblick auf neue Anwendungspunkte für Smava.“

Also Smava Tag und Nacht?

Artopé: „Nicht zwangsläufig, ich brauche auch meine Ruhepausen. Smava ist für mich in erster Linie Passion. Mir macht es einfach Spaß, etwas aufzubauen. Ich lebe Smava – das ist für mich eine
Herzensangelegenheit.“

Welchen Wunsch würden Sie sich persönlich mit Ihrem 1.000-Euro-Kredit erfüllen?

Artopé: „Eine Surfreise nach Portugal. Wellenreiten ist nach Smava meine zweite große Leidenschaft.“

Das Interview führte:
Gerhard Buzzi

Gerhard arbeitete über 30 Jahre als Redaktionsleiter und Blattmacher bei Axel Springer SE. Jetzt vermietet er online Motorboote an Wassersportfans auf der Weser. Mit einem 1.000-Euro-Kredit
würde er einen Kurzurlaub nach Cadiz buchen, wo die Sonne öfter scheint.

(Betragsbild: Xiomara Bender)

Clutch-Redaktion