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Hinter Chinas Firewall – Warum der Westen die digitale Mauer nicht durchdringen kann

In der vergangenen Woche kamen Experten und Führungskräfte aus der digitalen Wirtschaft in Hamburg im Rahmen des D-Level Talks zusammen, um sich über die globale Entwicklung der Tech-Branche auszutauschen. Ein hochkarätig besetztes Experten-Panel, darunter Reporter und Buchautor Wolfgang Hirn, Serial Entrepreneur Professor Peter Kabel und die Unternehmerin Melina Ex, diskutierte rund um das Thema: „China, India, USA and Europe: What’s next in Digital?“. Gleich zu Beginn stellte sich heraus, dass die Antwort auf jene Frage an diesem Abend China lautet.

Digitale Transformation auf Chinesisch

Zunächst richtete Christian Pfromm, Chief Digital Officer (CDO) der Freien und Hansestadt Hamburg, als Botschafter des Wirtschaftsstandortes Hamburg einige Worte an das Publikum. Seine Kernaussage: Hamburg – stellvertretend für den Rest der Republik – ist fest entschlossen, auf den rasant fahrenden Zug der Digitalen Transformation aufzuspringen. Das Experten-Panel wird später die Frage aufwerfen, ob wir den Anschluss nicht bereits verpasst haben.

Als Kick-off für die Paneldiskussionen hielt Wolfgang Hirn einen Impulsvortrag, in dem er das Publikum mit auf eine Reise hinter die chinesische Firewall nahm. Hirn ist Reporter beim Manager Magazin und reist seit Mitte der 80er Jahre regelmäßig nach China. Das Land gelte gemeinhin als Copycat, was allerdings zu einseitig betrachtet sei. Hirn spricht über die drei ganz großen Player in Chinas Digital-Wirtschaft: Baidu, Alibaba und Tencent – die sogenannten BAT-Unternehmen. Aus westlicher Sicht ist Baidu als das chinesisches Google zu bezeichnen. Die Alibaba Group macht unter anderem als Online-Marketplace nach eigenen Angaben in über 240 Ländern und Regionen der Welt Amazon Konkurrenz. Tencent bietet mit WeChat einen WhatsApp-ähnlichen Messenger-Dienst, der aber viel mehr ist als nur eine einfache Chat-App. Die WeChat ID beispielsweise, ein QR-Code, ersetzt die Visitenkarte chinesischer Geschäftsleute.

Eine gigantische Datenmaschinerie

China werde zum Hub für KI-Technologie, so Hirn. Insbesondere der FinTech-Sektor entwickele sich rasant. Bargeldloses Bezahlen mit dem Smartphone via Ali Pay oder WeChat Pay sei für die meisten Chinesen inzwischen selbstverständlich. Oder „Smile to Pay“ – mit dem Bezahlen per Gesichtserkennung macht das millionenschwere Startup Sensetime derzeit von sich reden. Durch die Verbreitung der Technologien entstehe in China eine riesige Datenmaschinerie, die sich die Regierung zu Nutze mache. Chinas Wirtschaft funktioniere „top-down“: Unternehmen werden vom Staatsapparat gelenkt und überwacht.

Teil dieser Strategie sei es auch, dass China den heimischen Markt weitestgehend gegen ausländische Investoren abschotte. Melina Ex, Mitbegründerin von Carby Box mit Sitz in New York, blickt mit Besorgnis auf eine „nicht-vorhandene Gegenseitigkeit von Investments“. In der Tech-Branche erlaube China ausschließlich Joint Ventures. Zudem unterlägen solche Unternehmen einer ständigen Kontrolle und Überwachung durch regierungsnahe Mitarbeiter.

Europa fehlt eine digitale Strategie

Melina Ex hat selbst ein Jahr lang in China gearbeitet. Und dort, so sagt sie, kaum einen Deutschen getroffen. Diese Erfahrung stehe sinnbildlich für Entwicklung des Machtgefälles innerhalb des Weltwirtschaftsmarktes. Chinesische Unternehmen seien auf der ganzen Welt präsent, als Investoren. So kauften sie sich Know-how zusammen und binden ausländische Wirtschaftsmärkte als Partner an sich. Diese Beziehungen seien aber nur vordergründig Partnerschaften, ergänzt Hirn. China sei nicht Partner, sondern Wettbewerber. Alle Panelteilnehmer sind sich einig, dass dem Westen, insbesondere Europa, eine Strategie fehle, um sich gegen chinesische Investoren zu schützen. Denn es kauften nicht chinesische Unternehmen andere Unternehmen, sondern der chinesische Staat kaufe die Unternehmen. Anders die USA: Dort hingegen interveniere man bereits und bringe Regularien für ausländische Großinvestoren auf den Weg.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Wo geht die Reise für Deutschland hin? Im schlechtesten Falle sei Deutschland gerade dabei sein technologisches Know-how an China auszuverkaufen, meint Ex. China-Experte Hirn warnt davor, ängstlich die Augen vor der Zukunft zu verschließen. Deutschland müsse neugierig auf die „unbekannte Konkurrenz“ bleiben und sie besser kennenlernen, um sie zu verstehen.

Das Resümee des Abends: Der digitale Fortschritt liegt in der DNA gleichsam aller Menschen. Und dennoch laufen wir Gefahr, ein technologisches Macht-Gefälle zwischen Ost und West, zwischen China und Deutschland, zuzulassen.

Der D-Level Talk am 12. Juni 2018 wurde veranstaltet von der D-Level GmbH unter der Leitung von Harald R. Fortmann. Weitere Infos und Bilder des Events finden Sie hier. Informationen zu weiteren Veranstaltungen der D-Level GmbH finden Sie hier.

Lesetipp: Wolfgang Hirn: „Chinas Bosse – Unsere unbekannte Konkurrenz“, erschienen im Campus-Verlag, 2018.

Diesen Artikel schrieb Julia Mengeler, Volontärin bei der Agentur Frau Wenk.

(Beitragsbild: Tina Demetriadis)