Grüne vor Linke und CDU: Eine Künstliche Intelligenz nimmt die Redegewandtheit Thüringer Politiker unter die Lupe

Bild: Verlag Dashoefer

Am 27. Oktober 2019 findet die Landtagswahl in Thüringen statt. Rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte, davon 750.000 Erstwähler, können in 44 Wahlkreisen rund 400 Kandidaten wählen. Wen sie wählen, hängt nicht nur vom Parteiprogramm ab, sondern auch von individuellen Sympathien und der Redegewandtheit der Politiker. Doch wie ist es um die Rhetorik der Thüringer Spitzenkandidaten eigentlich bestellt? Das hat der Hamburger Fachverlag und Seminaranbieter Dashöfer nun mit einer selbst entwickelten Künstlichen Intelligenz unter die Lupe genommen. Mit überraschenden Ergebnissen.

Linke vorn, Regierungsbildung schwierig

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa im Auftrag der Thüringer Zeitungen der Funke-Mediengruppe zeigt, wie die Parteien kurz vor der Wahl aufgestellt sind: Die Linke läge bei 28 Prozent, CDU und AfD wären gleichauf mit 24 Prozent, die Grünen bekämen acht Prozent, die SPD neun. Die FDP käme mit fünf Prozent knapp in den Landtag zurück. Eine Regierungsbildung wäre schwierig, denn die derzeitige Regierung aus Linker, SPD und Grünen käme nur auf 45 Prozent. Auch eine Koalition unter Führung der CDU mit SPD, Grünen und FDP hätte mit 46 Prozent keine Mehrheit. Die CDU schließt eine Zusammenarbeit mit der Linken oder der AfD aus. Die Lage ist also kurz vor der Wahl mehr als heikel und unsicher.

Die Grünen haben den besten Redner

Immerhin im Bereich der Rhetorik herrscht Klarheit. Hier liegt sogar alles im grünen Bereich, denn die Grünen mit Dirk Adams positionieren sich klar vor der Linken mit Bodo Ramelow und der CDU mit Mike Mohring. Dirk Adams überzeugt in seinen Reden mit einer optimalen Redegeschwindigkeit zwischen 90 und 140 Wörtern pro Minute. Was die Flüssigkeit der Rede angeht, so gibt es zwar noch Luft nach oben. Adams verwendet etwa 1,2 Prozent Füllwörter wie ähm und äh und liegt damit hinter Bodo Ramelow und Mike Mohring. Aber auch dieser Wert liegt absolut im grünen Bereich. Das hat die Künstliche Intelligenz des Fachverlages Dashöfer ermittelt, die auf der IBM Watson-Lösung basiert. Diese KI-Lösung ist Bestandteil der Virtual Reality-Anwendung EasySpeech, die Dashöfer für die VR-Brille Oculus Go entwickelt hat.

Künstliche Intelligenz analysiert jedes Wort

In diese App können Führungskräfte und Mitarbeiter ihre Vorträge und Präsentationen laden oder Stegreifreden halten und mit einer Künstlichen Intelligenz auswerten lassen. Dabei untersucht die KI jedes einzelne Wort und folgende Kriterien: Stimmlage, Eloquenz, Sprechgeschwindigkeit, Anzahl der Füllwörter (ähm, äh..), Artikulation, Wortwiederholungen und die Dauer des Vortrages. Die optimalen Kriterien gehen zurück auf den Rhetorik-Experten Wladislaw Jachtchenko, der für EasySpeech mehrere Stunden Trainingsanleitungen für Vorträge und Präsentationen zusammengestellt hat.

Fokus auf Redegeschwindigkeit und Füllwörter

In der Kandidaten-Auswertung kam die VR-Brille allerdings nicht zum Einsatz, da für die Analyse ausschließlich die MDR-Sommerinterviews der Kandidaten zur Verfügung standen. Deshalb fokussierte sich die Auswertung auf die Redegeschwindigkeit und die Anzahl der Füllwörter. Folgende Sommerinterview wurden analysiert: Mike Mohring, CDU / Bodo Ramelow, Linke / Wolfgang Tiefensee, SPD / Björn Höcke, AFD / Dirk Adams, Grüne. Von Anja Siegesmund von den Grünen stand kein Interview bereit.

  • Die Künstliche Intelligenz zog jeweils ähnlich lange Interviewschnipsel der MDR-Sommerinterviews zur Auswertung heran
  • Die durchschnittliche Zeit der Audioschnipsel betrug zwei Minuten
  • Die Rede-Anteile des Fragenstellers wurden entfernt
  • Die Audioteile wurden zufällig ausgewählt, unabhängig von der Art der Fragestellung
  • EasySpeech misst neben der Redegeschwindigkeit und den Füllwörtern noch weitere Kriterien wie Blickkontakte. Diese wurden nicht in die Auswertung einbezogen, sind aber grundsätzlich zur Bewertung eines Vortrags und Gesprächsstils wichtig
  • Vorträge und Reden können nur bedingt mit Interviewszenen verglichen werden

Politik: Reden allein reicht nicht

Die Auswertung zeigt: Die rhetorischen Fähigkeiten allein haben nur bedingt Einfluss auf den Wahlausgang. Immerhin kommen die Grünen trotz hervorragenden Rhetorik-Werten nur auf acht Prozent der Stimmen, währen Björn Höcke von der AFD rhetorischer Verlierer ist und ganze 24 Prozent einheimst. In der Politik spielen natürlich noch andere Aspekte eine Rolle als die reine Rhetorik.

Ausblick Künstliche Intelligenz

Dennoch: Künstliche Intelligenz kann heute schon Soft Skills wie Rede- und Präsentationsfähigkeiten analysieren. Hier zeigt die KI, welche Politiker überzeugende Redner sind und wo noch Luft nach oben ist. Noch sind die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenzen beschränkt, doch sie entwickeln sich rasant weiter. In einigen Jahren dürfte die KI nicht nur die Rhetorikfähigkeiten der Menschen kritisch bewerten können, sondern auch die Inhalte ihrer Programme.

Beitragsbild: Verlag Dashöfer / Screenshot EasySpeech

Clutch-Redaktion